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THEMA: Keine hö­he­ren Leis­tun­gen für Con­terg­an-​Op­fer

Keine hö­he­ren Leis­tun­gen für Con­terg­an-​Op­fer 24 Mär 2010 20:07 #11945

  • manuela29
http://www.rechtslupe.de/verwaltungsrec ... fer-317413

Eine Reihe von Con­terg­an-​Op­fern ist vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit dem Ver­such ge­schei­tert, wei­te­re – über die letz­tes Jahr er­höh­ten Be­trä­ge hin­aus­ge­hen­de – Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen ein­zu­kla­gen. Die ein­ge­reich­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die “Un­tä­tig­keit” des Ge­setz­ge­bers wurde vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men.

In­halt[↑]
■Die bis­he­ri­gen Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen
■Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den
■Ver­fas­sungs­be­schwer­den teil­wei­se ver­fris­tet
■Man­geln­de Aus­schöp­fung der fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten
■Über­prü­fungs­maß­stab bei ge­setz­ge­be­ri­scher Un­tä­tig­keit
■Kein Ver­stoß gegen das Recht auf Leben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit, Art. 2 GG■Kein Ver­stoß gegen das Ei­gen­tums­recht, Art. 14 GG■Kein Ver­stoß gegen den Gleich­heits­grund­satz, Art. 3 GG■Kein Ver­stoß gegen die UN-​Be­hin­der­ten-​Kon­ven­ti­on
■Be­rück­sich­ti­gung von Spät­schä­den und Fol­ge­schä­den


Die bis­he­ri­gen Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen[↑]
In der Bun­des­re­pu­blik sind mehr als 2500 Kin­der von Müt­tern, die wäh­rend der Schwan­ger­schaft das von der Firma Che­mie Grü­nen­thal GmbH her­ge­stell­te und am 1. Ok­to­ber 1957 auf den Markt ein­ge­führ­te thal­ido­mid­hal­ti­ge Schlaf-​ und Be­ru­hi­gungs­mit­tel „Con­terg­an“ ein­ge­nom­men hat­ten, mit schwe­ren Fehl­bil­dun­gen ihrer Glied­ma­ßen und an­de­ren Kör­per­schä­den zur Welt ge­kom­men.

Am 10. April 1970 ver­pflich­te­te sich die Firma Che­mie Grü­nen­thal zur ver­gleichs­wei­sen Re­ge­lung „aller denk­ba­ren An­sprü­che“ von Kin­dern und deren El­tern wegen Fehl­bil­dun­gen des Kin­des zur Zah­lung von 100 Mio. DM. Um den bei der Durch­füh­rung des Ver­gleichs zu er­war­ten­den Schwie­rig­kei­ten und Un­si­cher­hei­ten1 zu be­geg­nen und um die Hilfs­maß­nah­men durch eine Stif­tung auf eine mög­lichst brei­te fi­nan­zi­el­le Basis zu stel­len, er­ging das am 17. De­zember 1971 ver­kün­de­te und am 31. Ok­to­ber 1972 in Kraft ge­tre­te­ne Ge­setz über die Er­rich­tung einer Stif­tung „Hilfs­werk für be­hin­der­te Kin­der“ – StHG –2. Die Stif­tung wurde zu­sätz­lich zu dem von der Firma ein­ge­brach­ten Be­trag mit zu­nächst 100 Mio. DM aus Bun­des­mit­teln aus­ge­stat­tet. Das Ge­setz sah als Leis­tun­gen je nach der Schwe­re des Kör­per­scha­dens und der hier­durch her­vor­ge­ru­fe­nen Kör­per­funk­ti­ons­stö­run­gen eine Ka­pi­ta­lent­schä­di­gung in Höhe von min­des­tens 1.​000 DM und höchs­tens 25.​000 DM sowie eine mo­nat­li­che Rente von min­des­tens 100 DM und höchs­tens 450 DM vor (§ 14 Abs. 2 Sätze 1 und 2 StHG). Unter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen war auf An­trag eine Ka­pi­ta­li­sie­rung der Rente ins­be­son­de­re zum Er­werb von Grund­ei­gen­tum mög­lich (§ 14 Abs. 3 StHG). Die Leis­tun­gen der Stif­tung waren ein­kom­men­steu­er­frei und blie­ben bei der Er­mitt­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen nach an­de­ren Ge­set­zen grund­sätz­lich außer Be­tracht (§ 21 StHG). Leis­tungs­pflich­ten an­de­rer wur­den durch das Stif­tungs­ge­setz grund­sätz­lich nicht be­rührt (§ 22 StHG). Nach § 23 er­lo­schen alle etwa be­ste­hen­den An­sprü­che gegen die Firma Che­mie Grü­nen­thal GmbH.

Im Jahr 1976 er­klär­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG, Ur­teil vom 08.​06.​1976 – 1 BvL 19/75, 1 BvL 20/75 und 1 BvR 148/75, BVerfGE 42, 263) die Re­ge­lung zum In­kraft­tre­ten (§ 29 StHG) für ver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz und wies eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Stif­tungs­ge­setz zu­rück. Er maß die Um­for­mung der pri­vat­recht­li­chen Ver­gleichs­for­de­run­gen in ge­setz­li­che Leis­tungs­an­sprü­che unter Über­füh­rung der Ver­gleichs­sum­me in das Stif­tungs­ver­mö­gen am Maß­stab des Art. 14 Abs. 1 GG und be­fand ins­be­son­de­re, dass die Sub­stanz des Wert­an­spruchs der Be­tei­lig­ten prin­zi­pi­ell er­hal­ten ge­blie­ben war3. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wies au­ßer­dem dar­auf hin, dass es dem Ge­setz­ge­ber ob­lie­ge, auch in Zu­kunft dar­über zu wa­chen, dass die Leis­tun­gen der Stif­tung – sei es in Form von Ren­ten­er­hö­hun­gen oder in sons­ti­ger Weise – der über­nom­me­nen Ver­ant­wor­tung ge­recht wer­den4.

Der Ge­setz­ge­ber war in der Fol­ge­zeit mehr­fach tätig. Mit dem ers­ten Än­de­rungs­ge­setz vom 22. Juli 19765 wur­den die Bun­des­mit­tel um 50 Mio. DM, mit dem zwei­ten Än­de­rungs­ge­setz vom 31. Ja­nu­ar 19806 um wei­te­re 170 Mio. DM auf­ge­stockt. Seit 1997 wer­den die Ren­ten aus Bun­des­haus­halts­mit­teln fi­nan­ziert. Mit ins­ge­samt neun Än­de­rungs­ge­set­zen zum StHG7 wur­den die Ren­ten li­ne­ar er­höht. Dies er­folg­te seit 1984 in An­pas­sung an einen er­heb­li­chen An­stieg der Le­bens­hal­tungs­kos­ten und Net­to­ein­kom­men8.

Das Ge­setz über die Er­rich­tung einer Stif­tung „Hilfs­werk für be­hin­der­te Kin­der“ wurde durch das ak­tua­li­sier­te Ge­setz über die Con­ter­gan­stif­tung für be­hin­der­te Men­schen – Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz (Cont­StifG) – vom 13. Ok­to­ber 20059 ab­ge­löst. Nach­dem ein Ge­setz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, mit dem die Ren­ten li­ne­ar ab 1. Juli 2008 um 5 % an­ge­ho­ben wer­den soll­ten10, für er­le­digt er­klärt wor­den war, wur­den mit dem Ers­ten Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes vom 26. Juni 200811 die Be­trä­ge der mo­nat­li­chen Ren­ten ab 1. Juli 2008 auf min­des­tens 242 € und höchs­tens 1.​090 € ver­dop­pelt. Damit ver­folg­te der Ge­setz­ge­ber ins­be­son­de­re die Ziel­set­zung, die Fol­ge-​ und Spät­schä­den der Be­trof­fe­nen – ver­ur­sacht durch jah­re­lan­ge kör­per­li­che Fehl­be­las­tun­gen – zu be­rück­sich­ti­gen12. Au­ßer­dem wurde die auf die Höhe der Grund­ren­te nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz be­zo­ge­ne An­rech­nungs­re­ge­lung für Ren­ten auf­ge­ho­ben, um si­cher­zu­stel­len, dass die Ver­dop­pe­lung der Rente auch als echte Zu­satz­leis­tung bei den Be­trof­fe­nen an­kom­men würde13. Noch in die­sem Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren wurde eine öf­fent­li­che An­hö­rung im Aus­schuss für Fa­mi­lie, Se­nio­ren, Frau­en und Ju­gend als Grund­la­ge für wei­te­re Maß­nah­men zur Un­ter­stüt­zung der Be­trof­fe­nen und zur Auf­ar­bei­tung des Con­ter­ganskan­dals ge­plant14.

Das Zwei­te Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes vom 25. Juni 200915 sieht ins­be­son­de­re zu­sätz­li­che jähr­li­che Son­der­zah­lun­gen vor, die die con­ter­gan­ge­schä­dig­ten Men­schen je nach Schwe­re ihrer Be­hin­de­run­gen ge­staf­felt zwi­schen 460 € und 3.​680 €16 erst­mals ab dem Jahr 2009 zur frei­en Ver­fü­gung er­hal­ten. Die Fi­nan­zie­rung (§ 11 Satz 2 Nr. 1 Cont­StifG) er­folgt durch eine wei­te­re frei­wil­li­ge Zu­wen­dung in Höhe von 50 Mio. Euro der Grü­nen­thal GmbH. Dar­über hin­aus wer­den Mit­tel in glei­cher Höhe aus dem Stamm­ver­mö­gen der Stif­tung und die dar­aus seit dem 1. Ja­nu­ar 2009 er­ziel­ten Er­trä­ge für die jähr­li­chen Son­der­zah­lun­gen ver­wen­det. Die Con­ter­g­an­ren­te wird nun­mehr je­weils ent­spre­chend dem Pro­zent­satz an­ge­passt, um den sich die Ren­ten der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­än­dern (§ 13 Abs. 2 Sätze 4 und 5 Cont­StifG). Durch eine Än­de­rung des Stif­tungs­zwecks (§ 2 Cont­StifG) soll die Pro­jekt­för­de­rung der Stif­tung (§§ 19 bis 21 Cont­StifG) künf­tig nur noch con­ter­gan­ge­schä­dig­ten Men­schen zu­gu­te kom­men und nicht mehr ge­ne­rell be­hin­der­ten Men­schen. Diese zielt dar­auf, durch För­de­rung oder Durch­füh­rung von For­schungs-​ und Er­pro­bungs­vor­ha­ben Hilfe zu ge­wäh­ren, um die Teil­ha­be der Be­trof­fe­nen am Leben in der Ge­sell­schaft zu un­ter­stüt­zen und die durch Spät­fol­gen her­vor­ge­ru­fe­nen Be­ein­träch­ti­gun­gen zu mil­dern (§ 2 Nr. 2 Cont­StifG).

Nach § 8 Abs. 2 Satz 2 der neu­ge­fass­ten Richt­li­ni­en für die Ge­wäh­rung von Leis­tun­gen wegen Con­terg­an-​Scha­dens­fäl­len vom 30. Juni 200917 ist bei der Höhe der Con­ter­g­an­ren­te vom Schwe­re­grad der Fehl­bil­dung aus­zu­ge­hen, wie er bei der Ge­burt vor­lag oder an­ge­legt war – auch wenn sie erst spä­ter fest­ge­stellt wird -, unter Be­rück­sich­ti­gung der zu er­war­ten­den kör­per­li­chen Be­hin­de­rung.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den[↑]
Die Be­schwer­de­füh­rer, die in den Jah­ren 1959 bis 1962 ge­bo­ren wur­den, lei­den an Con­ter­gan­schä­den un­ter­schied­li­chen Aus­ma­ßes. Sie ma­chen ver­schie­de­ne Scha­dens­pos­ten gel­tend, ins­be­son­de­re wegen ihrer be­ruf­li­chen Ein­schrän­kun­gen („Er­werbs­scha­den“, „Ren­ten­scha­den“) und ihres schä­di­gungs­be­ding­ten Mehr­be­darfs (unter an­de­rem Kos­ten für Pfle­ge, Haus­halts­füh­rung, Um­bau­maß­nah­men, er­höh­te Ne­ben­kos­ten, Hilfs­mit­tel, er­höh­ten Klei­der­ver­schleiß). Des Wei­te­ren be­rich­ten sie über ihre Er­fah­run­gen von so­zia­ler Aus­gren­zung und über sich ver­schlim­mern­de Schmer­zen und Pro­ble­me auf­grund von Fol­ge-​ und Spät­schä­den. Sie ver­wei­sen auf die Höhe von Schmer­zens­geld-​ und Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen bei Schä­di­gun­gen in ver­gleich­ba­rem Um­fang nach gel­ten­dem Arz­nei­mit­tel­recht. Ihre in­di­vi­du­el­len For­de­run­gen be­lau­fen sich je­weils auf Grö­ßen­ord­nun­gen zwi­schen einer hal­ben und über 2 Mio. €.

Die Be­schwer­de­füh­rer rich­ten ihre Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen „das Un­ter­las­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ge­setz­li­che Vor­schrif­ten in­so­weit zu er­las­sen, dass ab dem 1. Ja­nu­ar 1972 Per­so­nen, die durch das Me­di­ka­ment Con­terg­an ge­schä­digt wur­den, min­des­tens Leis­tun­gen in einer Höhe ge­währt wer­den, in­so­weit Arz­nei­mit­tel­ge­schä­dig­te nach pri­vat­recht­li­chen Vor­schrif­ten, ins­be­son­de­re den je­wei­li­gen Arz­nei­mit­tel­ge­set­zen An­sprü­che hät­ten gel­tend ma­chen kön­nen, wobei als un­te­rer Maß­stab Leis­tun­gen nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz zu be­rück­sich­ti­gen sind“. Aus­drück­lich wen­den sie sich auch gegen das Erste und Zwei­te Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes. Fer­ner rich­ten sie ihre Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die Richt­li­nie zur Leis­tungs­ge­wäh­rung, weil sie für Leis­tun­gen keine Spät- und Fol­ge­schä­den be­rück­sich­ti­ge.

Sie rügen eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te aus Art. 1, Art. 2 Abs. 2, Art. 3 Abs. 1, Art. 14 GG und Art. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 5 des Zu­satz­pro­to­kolls der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on sowie ver­schie­de­ne Be­stim­mun­gen des Über­ein­kom­mens der Ver­ein­ten Na­tio­nen über die Rech­te von Men­schen mit Be­hin­de­run­gen. Hier­zu tra­gen sie unter an­de­rem vor, dass der Staat seine Schutz­pflicht ver­letzt habe, weil im Schä­di­gungs­zeit­raum keine ge­eig­ne­ten Arz­nei­mit­tel­ge­set­ze mit hin­rei­chen­der Kon­trol­le vor­han­den ge­we­sen seien. Der Ge­setz­ge­ber habe es ver­ab­säumt, die Leis­tun­gen an die Ent­wick­lun­gen im zi­vil­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­recht, ins­be­son­de­re an das gel­ten­de Arz­nei­mit­tel­recht, an­zu­glei­chen. Es stün­den ihnen min­des­tens Leis­tun­gen im Um­fang des Bun­des­ver­sor­gungs­ge­set­zes und an­de­rer An­sprü­che im so­zia­len Ent­schä­di­gungs­recht zu. Ein selbst­be­stimm­tes Leben sei mit den ge­setz­li­chen Leis­tun­gen nicht mög­lich. Spät- und Fol­ge­schä­den seien nicht ab­ge­deckt. Diese wür­den auch bei der Leis­tungs­ver­tei­lung nach der Richt­li­nie nicht er­fasst, aber bei der Be­gut­ach­tung von Neu­fäl­len – gleich­heits­wid­rig – be­rück­sich­tigt.

Ver­fas­sungs­be­schwer­den teil­wei­se ver­fris­tet[↑]
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hielt die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zu­min­dest teil­wei­se für ver­fris­tet. § 93 BVerfGG sieht eine Frist bei Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen po­si­ti­ve Akte der öf­fent­li­chen Ge­walt vor18. Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de wegen ge­setz­ge­be­ri­schen Un­ter­las­sens ist da­ge­gen frist­los mög­lich. Al­ler­dings gilt dies nur im Fall eines ech­ten Un­ter­las­sens, wenn der Ge­setz­ge­ber im Hin­blick auf einen ver­fas­sungs­recht­li­chen Auf­trag, der auch in der Ver­pflich­tung zur Nach­bes­se­rung be­ste­hen kann, gänz­lich un­tä­tig ge­blie­ben ist.

Ent­hält ein Ge­setz eine Re­ge­lung zu den gel­tend ge­mach­ten An­sprü­chen, hat der Ge­setz­ge­ber nicht „un­ter­las­sen“ über diese An­sprü­che zu ent­schei­den19. In einem sol­chen Fall ist eine auf Grund­rechts­ver­let­zun­gen ge­stütz­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die – exis­ten­te – ge­setz­li­che Vor­schrift zu er­he­ben20. Wer eine sol­che Re­ge­lung als un­zu­rei­chend an­sieht, ist ge­hal­ten, sie im Rah­men der An­fech­tung eines Voll­zie­hungs­ak­tes oder – so­fern die Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen – un­mit­tel­bar mit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de in­ner­halb der Frist an­zu­grei­fen21, die auch durch eine spä­te­re Än­de­rung der Re­ge­lung prin­zi­pi­ell nicht be­rührt wird.

An­dern­falls träte neben die frist­ge­bun­de­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ein Ge­setz wahl­wei­se die wei­te­re un­be­fris­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die den Ge­setz­ge­ber zum Er­lass eines grund­rechts­ge­mä­ßen Ge­set­zes an­hal­ten woll­te. Dies liefe auf eine Aus­schal­tung der im In­ter­es­se der Rechts­si­cher­heit be­ste­hen­den Frist zur Er­he­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de hin­aus und würde zu einer ge­setz­lich nicht vor­ge­se­he­nen und daher un­zu­läs­si­gen Aus­deh­nung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de füh­ren22.

Seit der Um­for­mung der pri­vat­recht­li­chen Ver­gleichs­for­de­run­gen in ge­setz­li­che Leis­tungs­an­sprü­che nach dem Ge­setz über die Er­rich­tung einer Stif­tung „Hilfs­werk für be­hin­der­te Kin­der“ wur­den die Leis­tun­gen mehr­fach – wenn auch nur in ge­rin­gem Aus­maß – er­höht. Den Be­schwer­de­füh­rern geht es in der Sache darum, dass diese Re­ge­lun­gen nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen ge­nü­gen. Die zu­gleich ge­rüg­te Un­ter­las­sung stellt in­so­weit nur die Kehr­sei­te der je­weils ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung des Ge­setz­ge­bers dar. So­weit der Un­ter­las­sens­vor­wurf den Zeit­raum ab dem 1. Ok­to­ber 1972 bis zum In­kraft­tre­ten des Ers­ten Ge­set­zes zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes er­fasst, sind die Ver­fas­sungs­be­schwer­den un­mit­tel­bar gegen die bis dahin gel­ten­den Ge­set­ze somit ver­fris­tet.

Man­geln­de Aus­schöp­fung der fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten[↑]
Den Ver­fas­sungs­be­schwer­den steht im Üb­ri­gen der aus § 90 Abs. 2 BVerfGG her­ge­lei­te­te Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät ent­ge­gen. Er ge­bie­tet, dass ein Be­schwer­de­füh­rer alle pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten aus­schöpft, um eine Kor­rek­tur der gel­tend ge­mach­ten Ver­fas­sungs­ver­let­zung zu er­wir­ken23. Die Be­schwer­de­füh­rer haben nicht dar­ge­legt, warum sie den Rechts­weg nicht be­schrit­ten haben.

Der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät gilt auch, wenn ein Spiel­raum der Ver­wal­tung fehlt24. Auch dann kann das Fach­ge­richt eine Klä­rung her­bei­füh­ren, ob und in wel­chem Um­fang der Bür­ger durch die be­an­stan­de­te Re­ge­lung kon­kret in sei­nen Rech­ten be­trof­fen und ob sie mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar ist; dabei ist im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nach den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 100 Abs. 1 GG zur Frage der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit ge­ge­be­nen­falls eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­ho­len25. Es ist in­so­weit nicht er­sicht­lich oder dar­ge­legt, dass der Zweck einer vor­ran­gi­gen An­ru­fung der nach § 23 Cont­StifG zu­stän­di­gen Ver­wal­tungs­ge­rich­te nicht er­reicht wer­den kann. Der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät dient einer um­fas­sen­den Vor­prü­fung des Be­schwer­de­vor­brin­gens26 und der Ver­mitt­lung der Fall­an­schau­ung ins­be­son­de­re der obers­ten Bun­des­ge­rich­te27.

Über­prü­fungs­maß­stab bei ge­setz­ge­be­ri­scher Un­tä­tig­keit[↑]
Un­ab­hän­gig davon sind die Ver­fas­sungs­be­schwer­den nach An­sicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aber auch nicht be­grün­det.

Nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len las­sen sich der Ver­fas­sung kon­kre­te Pflich­ten ent­neh­men, die den Ge­setz­ge­ber zu einem be­stimm­ten Tä­tig­wer­den zwin­gen. An­sons­ten bleibt die Auf­stel­lung und nor­ma­ti­ve Um­set­zung eines Schutz­kon­zepts dem Ge­setz­ge­ber über­las­sen. Ihm kommt ein wei­ter Ein­schät­zungs-​, Wer­tungs-​ und Ge­stal­tungs­spiel­raum zu28. Nach dem Grund­satz der Ge­wal­ten­tei­lung und dem de­mo­kra­ti­schen Prin­zip der Ver­ant­wor­tung des vom Volk un­mit­tel­bar le­gi­ti­mier­ten Ge­setz­ge­bers muss die­ser die re­gel­mä­ßig höchst kom­ple­xe Frage ent­schei­den, wie eine aus der Ver­fas­sung her­zu­lei­ten­de Schutz­pflicht ver­wirk­licht wer­den soll29. Die Ent­schei­dung, wel­che Maß­nah­men ge­bo­ten sind, kann vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur be­grenzt nach­ge­prüft wer­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann erst dann ein­grei­fen, wenn der Ge­setz­ge­ber seine Pflicht evi­dent ver­letzt hat30. Einen Ver­fas­sungs­ver­stoß durch un­ter­las­se­ne Nach­bes­se­rung eines Ge­set­zes kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ins­be­son­de­re erst dann fest­stel­len, wenn evi­dent ist, dass eine ur­sprüng­lich recht­mä­ßi­ge Re­ge­lung wegen zwi­schen­zeit­li­cher Än­de­rung der Ver­hält­nis­se ver­fas­sungs­recht­lich un­trag­bar ge­wor­den ist, und wenn der Ge­setz­ge­ber gleich­wohl wei­ter­hin un­tä­tig ge­blie­ben ist oder of­fen­sicht­lich fehl­sa­me Nach­bes­se­rungs­maß­nah­men ge­trof­fen hat31.

Eine evi­den­te Ver­let­zung von Pflich­ten mit Ver­fas­sungs­rang, um die es hier al­lein gehen kann, ist, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, je­doch nicht er­sicht­lich:

Kein Ver­stoß gegen das Recht auf Leben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit, Art. 2 GG[↑]
a) Aus Art. 2 Abs. 2 GG folgt eine Schutz­pflicht des Staa­tes, die auch eine Ri­si­ko­vor­sor­ge gegen Ge­sund­heits­ge­fähr­dun­gen um­fasst32. Die Ver­fas­sung ge­bie­tet, dass sich der Staat schüt­zend und för­dernd vor das Leben des Ein­zel­nen stellt33.

So­weit die Be­schwer­de­füh­rer auf die man­geln­de staat­li­che Arz­nei­mit­tel­kon­trol­le hin­wei­sen, rügen sie keine ak­tu­el­le, son­dern eine lange zu­rück­lie­gen­de Schutz­pflicht­ver­let­zung. Ob in­so­weit die Be­grün­dungs­an­for­de­run­gen be­züg­lich einer evi­den­ten Ver­fas­sungs­ver­let­zung vor­lie­gen, kann da­hin­ste­hen, da die Be­schwer­de­füh­rer nicht dar­le­gen, wor­aus sie einen An­spruch auf Ent­schä­di­gung gegen den Staat her­lei­ten, wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die­ser un­ter­lie­gen soll und ob sie in­so­weit den Rechts­weg be­schrit­ten haben. Eine um­fas­sen­de un­mit­tel­ba­re Staats­un­rechts­haf­tung ist von Ver­fas­sungs wegen grund­sätz­lich nicht ge­for­dert34. Mit dem Ge­setz über die Er­rich­tung einer Stif­tung „Hilfs­werk für Kin­der“ war auch kein Schuld­an­er­kennt­nis durch den Ge­setz­ge­ber ver­bun­den.

So­weit sich die Be­schwer­de­füh­rer auf Art. 2 Abs. 2 und Art. 1 Abs. 1 GG be­ru­fen, um die ak­tu­ell nö­ti­gen Leis­tun­gen für ein „selbst­be­stimm­tes Leben“ ein­zu­for­dern, er­folgt keine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Exis­tenz­mi­ni­mum. Die­ses be­trifft nur die Min­dest­vor­aus­set­zun­gen, die zur Auf­recht­er­hal­tung eines men­schen­wür­di­gen Da­seins er­for­der­lich sind35. Aus Art. 2 Abs. 2 folgt re­gel­mä­ßig kein ver­fas­sungs­recht­li­cher An­spruch auf Be­reit­stel­lung be­stimm­ter Ge­sund­heits­leis­tun­gen36. Hier­zu wären ins­be­son­de­re auch sub­stan­ti­ier­te Aus­füh­run­gen zu den je­wei­li­gen kon­kre­ten Ver­pflich­tun­gen Drit­ter, ins­be­son­de­re der Trä­ger der So­zi­al­hil­fe oder an­de­rer So­zi­al­leis­tun­gen (vgl. § 18 Abs. 2 Cont­StiftG), er­for­der­lich.

An­ge­sichts des er­gän­zen­den Cha­rak­ters der Leis­tun­gen und deren Ver­bes­se­run­gen durch das Erste und Zwei­te Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes wird je­den­falls nicht evi­dent er­kenn­bar, dass das Un­ter­maß­ver­bot in Bezug auf die ge­nann­ten Grund­rech­te ver­letzt wurde.

Kein Ver­stoß gegen das Ei­gen­tums­recht, Art. 14 GG[↑]
So­weit die Be­schwer­de­füh­rer unter Be­ru­fung auf Art. 14 Abs. 1 GG eine An­glei­chung ihrer An­sprü­che an den der­zei­ti­gen Stand des zi­vil­recht­li­chen Scha­dens­rechts for­dern, liegt keine sub­stan­ti­ier­te Grund­rechts­rü­ge vor.

Für die Aus­ge­stal­tung der ge­setz­li­chen Leis­tun­gen ist der Maß­stab des Art. 14 Abs. 1 GG des­halb her­an­zu­zie­hen, weil die ur­sprüng­li­chen An­sprü­che der Be­rech­tig­ten aus dem Ver­gleichs­ver­trag mit der Firma Che­mie Grü­nen­thal unter den Ei­gen­tums­schutz des Grund­ge­set­zes fie­len37. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat aber be­reits fest­ge­stellt, dass das Stif­tungs­ge­setz ohne Ver­stoß gegen die Ver­fas­sung die pri­vat­recht­li­chen Ver­gleichs­an­sprü­che durch ge­setz­li­che An­sprü­che er­setzt hat. Die Sub­stanz des Wert­an­spruchs der am Ver­gleich Be­tei­lig­ten wurde durch das Stif­tungs­ge­setz er­hal­ten38. Es hatte bei die­ser Be­wer­tung be­rück­sich­tigt, dass die Ver­gleichs­sum­me für alle Be­tei­lig­ten auf 100 Mio. DM li­mi­tiert war und die­ser Be­trag die Summe aller Ein­zel­an­sprü­che nicht ab­ge­deckt hätte. Die Ge­samt­for­de­run­gen aus dem Ge­setz blie­ben nicht hin­ter den An­sprü­chen aus dem Ver­gleich zu­rück, da die Ver­mö­gens­mas­se für Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che bei Stif­tungs­grün­dung auf ins­ge­samt 150 Mio. DM er­höht und wei­te­re 50 Mio. DM für För­de­rungs­maß­nah­men zur Ver­fü­gung ge­stellt wur­den. Wei­te­re Vor­tei­le durch die ge­setz­li­che Lö­sung lagen ins­be­son­de­re in dem ge­ord­ne­ten Ver­tei­lungs­ver­fah­ren mit zeit­ge­rech­ter Rea­li­sie­rung der An­sprü­che, in der Ein­be­zie­hung aller Ge­schä­dig­ten und der Nicht­an­rech­nung auf an­de­re So­zi­al­leis­tun­gen. Ein­wen­dun­gen der Be­schwer­de­füh­rer, dass schon bei Stif­tungs­grün­dung nicht aus­rei­chen­de Leis­tun­gen er­bracht wor­den seien oder der Ver­gleich nich­tig ge­we­sen sei, sind nicht ge­eig­net, diese Fest­stel­lun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Frage zu stel­len.

Die kon­kre­ten For­de­run­gen der Be­schwer­de­füh­rer las­sen sich nicht mit dem im Ur­teil des Ers­ten Se­nats vom 8. Juli 197639 ent­hal­te­nen Hin­weis be­grün­den, dem Ge­setz­ge­ber ob­lie­ge es, auch in Zu­kunft dar­über zu wa­chen, dass die Leis­tun­gen der Stif­tung – sei es in Form von Ren­ten­er­hö­hun­gen oder in sons­ti­ger Weise – der über­nom­me­nen Ver­ant­wor­tung ge­recht wer­den.

Es ist nicht er­sicht­lich, dass der Ge­setz­ge­ber seine Über­wa­chungs­pflicht of­fen­sicht­lich fehl­sam wahr­ge­nom­men hätte. Nach­dem er über die Jahre hin­weg An­pas­sun­gen bei einem er­heb­li­chen An­stieg der all­ge­mei­nen Le­bens­hal­tungs­kos­ten und Net­to­ein­kom­men vor­ge­nom­men hatte, re­agier­te er mit dem Ers­ten Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­ge­set­zes in einem ers­ten Schritt dar­auf, dass der Be­darf der Be­trof­fe­nen wegen der zu­nächst nicht ab­seh­ba­ren Fol­ge-​ und Spät­schä­den ge­stie­gen ist40. Wei­te­re Ver­bes­se­run­gen der fi­nan­zi­el­len Lage der Be­trof­fe­nen führ­te das Zwei­te Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­ge­set­zes her­bei. Durch die Än­de­rung des Stif­tungs­zwecks in § 2 Nr. 2 Cont­StifG schuf der Ge­setz­ge­ber auch die Grund­la­ge für For­schungs­vor­ha­ben über die durch Spät­fol­gen her­vor­ge­ru­fe­nen Be­ein­träch­ti­gun­gen und deren Mil­de­rung.

Es ist, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wei­ter, nicht er­sicht­lich, dass die vom Ge­setz­ge­ber bei der Um­for­mung der Ver­gleichs­an­sprü­che ge­fun­de­ne Ge­samt­lö­sung im Nach­hin­ein – durch die Ver­bes­se­run­gen der frist­ge­mäß an­ge­grif­fe­nen Ge­set­ze – ent­wer­tet wor­den wäre. Eben­so wenig ist ein Sub­stanz­ver­lust der im Stif­tungs­ge­setz ein­ge­räum­ten An­sprü­che, die ih­rer­seits auch den Schutz des Art. 14 Abs. 1 GG ge­nie­ßen41, er­kenn­bar.

Es ist nicht er­sicht­lich, dass der Ge­setz­ge­ber bei der Be­stim­mung von In­halt und Schran­ken des Ei­gen­tums den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und die An­for­de­run­gen an einen ge­rech­ten Aus­gleich42 des­halb ver­letzt hätte, weil die Be­schwer­de­füh­rer ohne die ge­setz­li­che Um­for­mung ihrer zi­vil­recht­li­chen An­sprü­che zwi­schen­zeit­lich bes­ser stün­den. Die Be­schwer­de­füh­rer haben in­so­weit nicht dar­ge­legt, dass die erst nach Ab­schluss des Ver­gleichs er­folg­ten Än­de­run­gen des Schuld­rechts oder des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes auf die Ver­gleichs­for­de­run­gen an­wend­bar ge­we­sen wären. Auch set­zen sich die Be­schwer­de­füh­rer nicht damit aus­ein­an­der, in­wie­weit sie von der Firma Grü­nen­thal nach Er­schöp­fung der Ver­gleichs­sum­me wei­ter­ge­hen­de Leis­tun­gen wegen ihrer Fol­ge-​ und Spät­schä­den hät­ten durch­set­zen kön­nen als im Rah­men des Zwei­ten Ge­set­zes zur Än­de­rung des Con­ter­gan­ge­set­zes.

Al­lein aus der Ziel­set­zung des Ge­setz­ge­bers, auf die Spät- und Fol­ge­schä­den zu re­agie­ren, kann keine ver­fas­sungs­recht­li­che Ver­pflich­tung nach Art. 14 Abs. 1 GG zu einem be­stimm­ten Leis­tungs­um­fang ab­ge­lei­tet wer­den.

Kein Ver­stoß gegen den Gleich­heits­grund­satz, Art. 3 GG[↑]
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­mag auch im Hin­blick auf die nach dem heu­ti­gen Arz­nei­mit­tel­recht üb­li­chen Ent­schä­di­gun­gen kei­nen Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG er­ken­nen:

Im Rah­men sei­nes Ge­stal­tungs­auf­trags ist der Ge­setz­ge­ber grund­sätz­lich frei bei sei­ner Ent­schei­dung, an wel­che tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se er Rechts­fol­gen knüpft und wie er von Rechts wegen zu be­güns­ti­gen­de Per­so­nen­grup­pen de­fi­niert. Eine Gren­ze ist er­reicht, wenn durch die Bil­dung einer recht­lich be­güns­tig­ten Grup­pe an­de­re Per­so­nen von der Be­güns­ti­gung aus­ge­schlos­sen wer­den und sich für diese Un­gleich­be­hand­lung kein in an­ge­mes­se­nem Ver­hält­nis zu dem Grad der Un­gleich­be­hand­lung ste­hen­der Recht­fer­ti­gungs­grund fin­den lässt43. Ein dem Art. 3 Abs. 1 GG ge­nü­gen­der Ver­gleich muss in einem Ge­samt­ver­gleich die er­heb­li­chen Un­ter­schie­de ana­ly­sie­ren und be­wer­ten und dabei die ty­pi­scher­wei­se zu­sam­men­tref­fen­den Vor- und Nach­tei­le be­ach­ten44. Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz ent­hält kein ver­fas­sungs­recht­li­ches Gebot, ähn­li­che Sach­ver­hal­te in ver­schie­de­nen Ord­nungs­be­rei­chen mit an­de­ren sys­te­ma­ti­schen und so­zi­al­ge­schicht­li­chen Zu­sam­men­hän­gen gleich zu re­geln45. Auch kann nie­mand al­lein dar­aus, dass einer Grup­pe aus be­son­de­rem An­lass be­son­de­re Ver­güns­ti­gun­gen zu­ge­stan­den wer­den, für sich ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Gebot her­lei­ten, genau die­sel­ben Vor­tei­le in An­spruch neh­men zu dür­fen46.

Die von den Be­schwer­de­füh­rern zum Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­nen Ge­set­ze be­tref­fen an­de­re Sach­ver­hal­te und wei­sen dem­nach an­de­re sach­li­che Kri­te­ri­en für eine staat­li­che Hilfe auf. Die Be­schwer­de­füh­rer las­sen bei ihrem Ver­gleich mit der ak­tu­el­len Schmer­zens­geld­recht­spre­chung und dem gel­ten­den Arz­nei­mit­tel­ge­setz we­sent­li­che Punk­te un­be­rück­sich­tigt. Es er­folgt keine aus­rei­chen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit dem zeit­li­chen Gel­tungs­be­reich. So ist etwa die mit Art. 1 § 84 des Ge­set­zes zur Neu­ord­nung des Arz­nei­mit­tel­rechts vom 24. Au­gust 197647 ein­ge­führ­te Ge­fähr­dungs­haf­tung nach Art. 3 § 21 des­sel­ben Ge­set­zes nicht für Schä­den ein­schlä­gig, die durch Arz­nei­mit­tel ver­ur­sacht wur­den, die vor In­kraft­tre­ten des Ge­set­zes ab­ge­ge­ben wor­den sind. Es wäre in­so­weit auch auf den Cha­rak­ter der Ge­fähr­dungs­haf­tung als In­di­vi­dual­haf­tung ein­zu­ge­hen, die auf einer Ri­si­ko­zu­rech­nung be­ruht48 und deren Ein­füh­rung die Ver­pflich­tung des Un­ter­neh­mers zur De­ckungs­vor­sor­ge (vgl. § 94 AMG) be­ding­te. Dem­ge­gen­über dient die Rente der Con­ter­gan­stif­tung nicht der Ent­schä­di­gung für die er­lit­te­nen Miss­bil­dun­gen, son­dern der Hilfe im Leben49.

Bei dem Ver­gleich mit den Höchst­be­trä­gen in § 88 AMG wei­sen die Be­schwer­de­füh­rer zwar dar­auf hin, dass da­nach eine in­di­vi­du­el­le Ka­pi­ta­lent­schä­di­gung bis zu 600.​000 € und eine Rente bis mo­nat­lich 3.​000 € mög­lich sei, wäh­rend dem le­dig­lich mo­nat­li­che Con­ter­g­an­ren­ten von in­zwi­schen min­des­tens 242 € und höchs­tens 1090 € ge­gen­über­ste­hen. In­so­weit fehlt je­doch eine nä­he­re Aus­ein­an­der­set­zung mit den in § 88 Satz 1 Nr. 2 AMG ge­re­gel­ten Höchst­sum­men im Fall der Tö­tung oder Ver­let­zung meh­re­rer Men­schen durch das glei­che Arz­nei­mit­tel, die nur für 200 Schwerst­ge­schä­dig­te einen Scha­dens­aus­gleich im Um­fang der in­di­vi­du­el­len Haf­tungs­höchst­gren­zen ge­währ­leis­ten. Seit In­kraft­tre­ten des Stif­tungs­ge­set­zes haben dem­ge­gen­über ins­ge­samt 2872 Be­rech­tig­te Leis­tun­gen aus der Stif­tung er­hal­ten50. Die Höchst­be­trä­ge des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes für den Ka­pi­tal­be­trag (120 Mio. €) oder den Ren­ten­be­trag (jähr­lich 7,2 Mio. €), bei deren Ein­füh­rung sich der Ge­setz­ge­ber sogar an dem Aus­maß im Con­terg­an-​Ge­sche­hen ori­en­tier­te51, wären den Ge­samt­leis­tun­gen der Con­ter­gan­stif­tung ge­gen­über­zu­stel­len, die im Zeit­raum 1972 bis 2007 den Be­trag von 437,84 Mio. €52 er­reich­ten. Diese Leis­tungs­bi­lanz wird durch die Ren­ten­er­hö­hung ab Juli 2008 sowie durch die seit 2009 ge­währ­ten jähr­li­chen Son­der­zah­lun­gen zwi­schen 460 Euro und 3680 Euro wei­ter ver­bes­sert. Neben der Höhe der Leis­tun­gen ist auch zu be­rück­sich­ti­gen, dass es sich um ein­kom­men­steu­er­freie (§ 17 Cont­StifG) Zu­satz­leis­tun­gen han­delt, die bei der Er­mitt­lung oder An­rech­nung von Ein­kom­men, sons­ti­gen Ein­nah­men und Ver­mö­gen nach an­de­ren Ge­set­zen außer Be­tracht blei­ben; dies gilt seit dem Ers­ten Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes, mit dem der frü­he­re § 18 Abs. 1 Satz 2 Cont­StifG auf­ge­ho­ben wurde, auch für Ren­ten. Fer­ner wurde mit dem Zwei­ten Ge­setz zur Än­de­rung des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes eine Dy­na­mi­sie­rung der Ren­ten in § 13 Abs. 2 ein­ge­führt.

Wei­ter ver­weist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt so­dann auf seine Recht­spre­chung, wo­nach statt der iso­lier­ten Be­trach­tung in­di­vi­du­el­ler Rechts­po­si­tio­nen nur eine Ge­samt­be­trach­tung für sach­ge­recht ge­hal­ten wird53. Die Rechts­po­si­ti­on der Ge­schä­dig­ten er­hält ihren Cha­rak­ter ge­ra­de durch die Ein­bin­dung in eine re­la­tiv große Schick­sals­ge­mein­schaft. In­so­fern stellt auch die Mög­lich­keit von Neu­an­trä­gen (§ 12 Abs. 2 Cont­StifG) durch die Auf­he­bung der Aus­schluss­frist eine zu be­rück­sich­ti­gen­de Ver­bes­se­rung der Rechts­la­ge dar.

Auch mit den wei­te­ren ge­nann­ten Ge­set­zen ist eine Ver­gleich­bar­keit nach An­sicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht er­sicht­lich:

So­weit sich die Be­schwer­de­füh­rer auf § 5 SGB I be­ru­fen, gibt diese Re­ge­lung zum So­zia­len Ent­schä­di­gungs­recht nach § 2 Abs. 1 Satz 2 SGB I selbst kei­nen ei­ge­nen An­spruch, son­dern setzt eine Ent­schei­dung des Ge­setz­ge­bers vor­aus.

Die Ver­sor­gung nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz steht einem Ge­schä­dig­ten grund­sätz­lich des­halb zu, weil er im Krieg Ge­sund­heit oder Leben für die All­ge­mein­heit ge­op­fert hat54. Ein sol­ches Son­der­op­fer im In­ter­es­se des Staa­tes ist bei den hier vor­lie­gen­den Schä­di­gun­gen nicht ge­ge­ben.

Die Ent­schä­di­gungs­pflicht der öf­fent­li­chen Hand nach dem Op­fer­ent­schä­di­gungs­ge­setz tritt aus So­li­da­ri­tät für den von einer Ge­walt­tat be­trof­fe­nen Bür­ger ein55, weil der Staat kei­nen wirk­sa­men Schutz vor kri­mi­nel­ler Hand­lung gegen Leib oder Leben geben konn­te56. Dabei be­grenzt der Ge­setz­ge­ber die Ent­schä­di­gungs­pflicht grund­sätz­lich auf vor­sätz­li­che, rechts­wid­ri­ge und tät­li­che An­grif­fe (§ 1 Abs. 1 OEG).

Die Impf­op­fer­ent­schä­di­gung be­ruht auf dem Rechts­in­sti­tut der Auf­op­fe­rung für das ge­mei­ne Wohl. Der Staat ver­langt dem Impf­pflich­ti­gen ein Son­der­op­fer ab, näm­lich die Dul­dung eines nicht ganz ri­si­ko­frei­en Ein­griffs, der die Ge­sund­heit ge­fähr­den kann. Die Maß­nah­me soll nicht al­lein den Ge­impf­ten per­sön­lich schüt­zen, son­dern dar­über hin­aus die Krank­heit, die durch An­ste­ckung ver­brei­tet wird, im In­ter­es­se der All­ge­mein­heit ein­däm­men57. Die ge­sam­te Be­völ­ke­rung ist mit­hin Nutz­nie­ßer der in­di­vi­du­el­len Imp­fung58. Die vor­ma­li­ge Impf­ver­pflich­tung mit Zwangs­cha­rak­ter ist zwar wei­test­ge­hend durch die Impf­emp­feh­lung er­setzt wor­den. Gleich­wohl legt diese dem Ein­zel­nen mit staat­li­cher Au­to­ri­tät nahe, sich dem Ein­griff zum Schutz der All­ge­mein­heit zu un­ter­zie­hen59. Durch die Impf­op­fer­ent­schä­di­gung soll das staat­lich in­iti­ier­te Ri­si­ko des Ein­zel­nen im Scha­dens­fall ver­rin­gert wer­den. So­weit die Be­schwer­de­füh­rer auf den Leis­tungs­um­fang nach dem Sieb­ten Buch So­zi­al­ge­setz­buch hin­wei­sen, un­ter­schei­den sich die ge­setz­li­chen Grund­la­gen des Con­ter­gan­stif­tungs­ge­set­zes von der ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung durch ihre ver­fas­sungs­recht­li­che Ver­an­ker­ung, ihre Fi­nan­zie­rung, ihre Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen und ihre Leis­tungs­for­men.

Hin­sicht­lich der Ver­wei­sung auf den Leis­tungs­um­fang des HIV-​Hil­fe­ge­set­zes sieht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt einen we­sent­li­chen Un­ter­schied hin­sicht­lich der fi­nan­zi­el­len Grund­la­gen. Da dort ein vom üb­ri­gen Staats­ver­mö­gen ge­trenn­tes, be­son­ders haf­ten­des Ver­mö­gen zur Ver­fü­gung stand, ist ein er­heb­li­cher sach­li­cher Un­ter­schied zum Stif­tungs­ge­setz er­kenn­bar60.

Kein Ver­stoß gegen die UN-​Be­hin­der­ten-​Kon­ven­ti­on[↑]
So­weit die Be­schwer­de­füh­rer auf Rech­te nach dem Über­ein­kom­men der Ver­ein­ten Na­tio­nen über die Rech­te von Men­schen mit Be­hin­de­run­gen hin­wei­sen, weist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dar­auf hin, dass die­ses Über­ein­kom­men mit Ge­setz vom 21. De­zember 200861 in der Qua­li­tät eines Bun­des­ge­set­zes trans­for­miert wurde. Mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den kön­nen aber nur Rech­te mit Ver­fas­sungs­rang gel­tend ge­macht wer­den62.

Be­rück­sich­ti­gung von Spät­schä­den und Fol­ge­schä­den[↑]
Die Rüge der Be­schwer­de­füh­rer, dass Spät- und Fol­ge­schä­den nicht aus­rei­chend be­rück­sich­tigt wer­den, be­trifft nicht nur die im Ge­setz fest­ge­leg­te Leis­tungs­hö­he, son­dern auch den Ver­tei­lungs­maß­stab. § 13 Abs. 2 Satz 1 Cont­StifG rich­tet die Höhe der Leis­tun­gen an der Schwe­re des Kör­per­scha­dens und der hier­durch her­vor­ge­ru­fe­nen Kör­per­funk­ti­ons­stö­run­gen aus. Die Be­schwer­de­füh­rer grei­fen je­doch nicht diese ge­setz­li­che Re­ge­lung an, son­dern rügen aus­drück­lich die Vor­ga­be der Richt­li­nie (§ 8 Abs. 2 Satz 2), wo­nach bei der Scha­dens­be­wer­tung aus­zu­ge­hen sei „vom Schwe­re­grad der Fehl­bil­dung, wie er bei Ge­burt vor­lag oder an­ge­legt war“. Damit würde das Scha­dens­bild der Be­trof­fe­nen nicht aus­rei­chend er­fasst.

In­so­weit haben die Be­schwer­de­füh­rer, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­drück­lich fest­stellt, den Rechts­weg nicht er­schöpft. Sie müss­ten gegen die je­wei­li­ge Ver­wal­tungs­ent­schei­dung vor­ge­hen63. Die Fach­ge­rich­te kön­nen selbst in­zi­dent dar­über ent­schei­den, ob eine Richt­li­nie mit dem ein­fa­chen Ge­setz oder dem Ver­fas­sungs­recht ver­ein­bar ist64.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 26. Fe­bru­ar 2010 – 1 BvR 1541/09 und 1 BvR 2685/09

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1.vgl. die Be­grün­dung des Re­gie­rungs-​Ent­wurfs BT-​Drs. VI/926, S. 6↩

Keine hö­he­ren Leis­tun­gen für Con­terg­an-​Op­fer 24 Mär 2010 22:05 #11952

  • Anonymous
"...In­so­weit haben die Be­schwer­de­füh­rer, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­drück­lich fest­stellt, den Rechts­weg nicht er­schöpft. Sie müss­ten gegen die je­wei­li­ge Ver­wal­tungs­ent­schei­dung vor­ge­hen..."

Ich ging immer davon aus, dass der Rechtsweg sehr wohl erschöpft sei.
Wie soll man das denn verstehen, gegen wen sollen wir klagen?

LG

Keine hö­he­ren Leis­tun­gen für Con­terg­an-​Op­fer 24 Mär 2010 22:11 #11953

  • Christian Stürmer
vgl Presseerkärung

Keine hö­he­ren Leis­tun­gen für Con­terg­an-​Op­fer 24 Mär 2010 22:19 #11955

  • Anonymous
Ich habe die Stellungnahme schon gelesen, aber ich verstehe das trotzdem nicht:
Ist damit gemeint, dass damals die Klagemöglichkeit gegen G hätte genutzt werden können?

Keine hö­he­ren Leis­tun­gen für Con­terg­an-​Op­fer 24 Mär 2010 22:53 #11957

  • Christian Stürmer
Nach dem Errichtungsgesetz bezüglich der Stiftung werden mit § 23 alle Ansprüche gegen Grünenthal aufgehoben. Überdies sind nach § 199 Abs. 2 BGB alle Ansprüche auch verjährt.

Die Aussage hat wohl etwas damit zu tun, dass man alle Möglichkeiten zur Besetigung des grundrechtswidrigen Zustandes nutzen muss - auch dann gegen Grünenthal vorzugehen, wenn dort Ansprüche beständen, was offensichtlich nicht der Fall ist. Es wird uns aber entgegengehalten, dass wir es hätten vortragen sollen, wohl um uns in unserem weiteren Weg zum Europ. Gerichtshof für Menschenrechte zu behindern. Ein solcher Vortrag ist aber bezüglich § 23 I des Errichtungsgesetzes erfolg - und die Verjährung ist offenkundig. Weiterer Vortrag war insoweit auch überflüssig, weil auf die Anlagen vollinhaltlich Bezug genommen wurde, Hierin befand sich z.B. eine Bundestagsdrucksache, aus der sich die Gesetzgeberbegründung befand , insoweit alle Ansprüche gegen Grünenthal erledigt sind.
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